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Hippotherapie Behandlungsphasen: Der Weg vom ersten Aufsteigen bis zum Therapieerfolg

Wer mit dem Gedanken spielt, Hippotherapie auszuprobieren, will meistens wissen: Wie läuft das eigentlich ab? Was passiert in den einzelnen Sitzungen, wann zeigt sich ein Effekt, und woran merke ich überhaupt, dass die Behandlung etwas verändert?

Aktualisiert20. Oktober 2026
Lesezeit8 Min. Lesezeit
Hippotherapie Behandlungsphasen: Der Weg vom ersten Aufsteigen bis zum Therapieerfolg

Die ehrliche Antwort steht am Anfang. Es gibt keinen bundesweit einheitlichen Stufenplan, der für jede Person gleichermaßen gilt. Die Deutsche Gruppe für Hippotherapie beschreibt wiederkehrende Bestandteile, betont aber gleichzeitig, dass der konkrete Ablauf von der ärztlichen Verordnung, dem Befund, der Tagesform und dem therapeutischen Ziel abhängt. Wer diese Bausteine versteht, kann den eigenen Weg besser einordnen – und erkennt früh, ob eine Praxis fachlich sauber arbeitet.

Ärztliche Verordnung und hippotherapiespezifische Befunderhebung

Die Hippotherapie (DKThR)® ist kein Freizeitangebot und auch keine Reitstunde. Sie wird als physiotherapeutische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage beschrieben und ist in Deutschland seit 2019 als eingetragene Marke geführt. Behandeln dürfen ausschließlich Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mit einer speziellen Zusatzqualifikation. Diese Zusatzqualifikation entscheidet darüber, ob aus dem Sitzen auf dem Pferd ein therapeutischer Vorgang wird – oder eben nicht.

Am Beginn steht deshalb eine ärztliche Verordnung. Hausärztin, Neurologin, Orthopädin oder Kinderärztin stellen fest, ob eine Indikation vorliegt und welche Kontraindikationen dem entgegenstehen. Erst danach tritt die therapeutische Fachkraft in Erscheinung. Sie führt die hippotherapiespezifische Befunderhebung durch: Haltung, Tonus, Gleichgewichtsreaktionen, Rumpfkontrolle, Gelenkbeweglichkeit, Sitzbalance, sensorische Verarbeitung – je nach Krankheitsbild unterschiedlich gewichtet.

Diese Befunderhebung ist keine Formsache. Sie entscheidet, welches Pferd später überhaupt geeignet ist, welche Hilfsmittel gebraucht werden und welche Schwerpunkte in den einzelnen Sitzungen gesetzt werden. Wer zur ersten Behandlung kommt und keine Befragung zu Vorgeschichte, Alltagsaktivitäten und aktueller Belastbarkeit erlebt, sollte das als klares Warnzeichen werten.

Die Befunderhebung ist das Skelett jeder weiteren Sitzung – ohne sie bleibt Hippotherapie ein Ratespiel auf dem Pferderücken.

Auswahl von Pferd, Hilfsmitteln und die Organisation des Aufstiegs

Nach der Befunderhebung wählt die therapeutische Fachkraft Pferd und Hilfsmittel aus. Damit ist keine Lieblingsrasse gemeint, sondern ein Tier, dessen Rückenhöhe, Gangqualität, Rückenbreite und Schwingungsverhalten zur Patientin oder zum Patienten passen. Die dreidimensionalen Schwingungen, die der Pferderücken im Schritt erzeugt, sollen dosiert übertragen werden, nicht maximal.

Die Deutsche Gruppe für Hippotherapie nennt als mögliche Hilfsmittel verschiedene Sättel (unter anderem Langsattel, Therapiesattel, Sattel mit Gurtpolsterung), Therapiegurte sowie eine Rampe als Aufstiegshilfe. Welche Kombination sinnvoll ist, hängt von Sitzfähigkeit, Rumpfkontrolle, Beinlänge und Transfersicherheit ab. Manche Betroffene steigen über die Rampe auf, andere werden mit aktiver Hilfe gehoben oder über einen Tritt geführt. Eine zusätzliche Assistenz kann je nach Bedarf beim Sichern und Transfer helfen – das ist keine Seltenheit, sondern Teil des Konzepts.

Das Auf- und Absteigen ist ausdrücklich Teil der Therapie. Hier werden Gangabläufe und kontrolliertes Stehtraining einbezogen, soweit es die Tagesform erlaubt. Das ist kein identischer Therapieschritt für alle – wer stärker betroffen ist, wird stärker gesichert, die Übergänge werden kleinschrittiger aufgebaut. In der Praxis gehören eine zweite Begleitperson als Sicherung, ein Therapiengurt am Pferd und klare Absprachen zwischen Therapeutin, Pferdeführerin und gegebenenfalls Helferin zum Standard.

Übersicht: Hilfsmittel und ihre Funktion

HilfsmittelFunktion in der Hippotherapie
Therapiesattel / LangsattelSitzposition, Beckenführung, Entlastung der Lendenwirbelsäule
Therapiegurt (Pferd)Sicherung der Patientin oder des Patienten, Griffmöglichkeit für die Therapeutin
RampeAufstiegshilfe bei eingeschränkter Stehfähigkeit oder Rollstuhltransfer
Sitzkissen / GelpadAnpassung an die Rückenform, Druckentlastung, Ausgleich von Asymmetrien
Helfer- oder Sicherungspersonzusätzliche Stabilisierung bei erhöhtem Unterstützungsbedarf

Die neurophysiologische Behandlung im Schritt

Was im Schritt passiert, ist das eigentliche Kernstück. Laut DKThR gehen die dreidimensionalen Schwingungen des Pferderückens in der Gangart Schritt mit einer Frequenz von etwa 90 bis 110 pro Minute auf die aufrecht sitzende Person über. Diese Impulse wirken auf Becken, Wirbelsäule und Rumpfmuskulatur ähnlich wie ein langsames, ständiges Gleichgewichtstraining – das Pferd „arbeitet" gewissermaßen für die Therapie, während die Therapeutin die Reaktionen beobachtet und gezielt korrigierend eingreift.

Die therapeutischen Schwerpunkte sind nach Angaben des DKThR unter anderem Tonusregulierung, Gleichgewichtsreaktionen, Koordination, funktionelle Gelenkmobilisation und Rumpftraining. Diese Liste funktioniert als Karte möglicher Richtungen. Bei einer Patientin mit Spastik liegt der Tonus anders im Fokus als bei einem Kind mit hypotoner Haltungsschwäche oder einer erwachsenen Person nach einem Schlaganfall. Was tatsächlich in der Sitzung gearbeitet wird, entscheidet der Befund – nicht ein vorgegebener Lehrplan.

Wichtig für das Verständnis: Die Therapeutin steht oder geht während der Behandlung neben oder hinter dem Pferd. Sie ist keine Reitlehrerin, die Reitunterricht erteilt, sondern Physiotherapeutin, die am Pferd arbeitet. Die Pferdeführerin führt das Tier, eine zusätzliche Begleitperson kann je nach Bedarf beim Sichern und Transfer unterstützen. Dieses Drei-Augen-Prinzip gehört zu den Qualitätsmerkmalen, auf die man bei der Auswahl einer Praxis achten sollte.

Hippotherapie ist kein Reiten, sondern Physiotherapie auf dem Pferd – das Pferd liefert die Impulse, die Therapeutin steuert die therapeutische Reaktion.

Individuelle Zeitfenster und Gestaltung der Therapiesitzungen

Wie lange eine Sitzung dauert und wie oft sie stattfindet, lässt sich nicht in einer einzigen Angabe zusammenfassen. Die Deutsche Gruppe für Hippotherapie gibt eine Behandlungsdauer von 25 bis 30 Minuten an, abhängig von der Belastbarkeit, und empfiehlt eine Regelmäßigkeit von einmal pro Woche. Das ist eine fachliche Empfehlung dieses Verbands, kein für alle Praxen und Patienten geltender Sitzungsplan. In der Praxis gibt es Abweichungen – etwa kürzere Einheiten bei sehr geringer Belastbarkeit, längere Pausen nach Krankheit oder eine Häufung von Sitzungen in Phasen mit akutem therapeutischem Bedarf.

Eine einzelne Sitzung ist in der Regel so aufgebaut:

1. Vorgespräch und Tagesform-Check. Wie geht es heute? Wie war die Nacht? Gibt es Schmerzen, neue Medikamente, einen anstrengenden Tag im Rollstuhl? Diese Minuten entscheiden mit, wie intensiv die Behandlung laufen kann.

2. Transfer und Aufsteigen. Hier werden Lagewechsel, Stehtraining und Gewichtsübernahme geübt – je nach Hilfsmittel und Tagesform.

3. Behandlung im Schritt. Kernphase mit den genannten Schwerpunkten. Tempowechsel, Richtungswechsel und Pausen werden bewusst eingesetzt, um Reaktionen zu provozieren oder zu beruhigen.

4. Verlangsamen und Absteigen. Das Tempo wird reduziert, der Übergang zurück in den Alltag vorbereitet, der Muskeltonus beruhigt.

5. Nachgespräch und Dokumentation. Beobachtungen, Hinweise für zu Hause, Vereinbarung der nächsten Sitzung.

Eine typische Behandlungssequenz umfasst häufig mehrere Sitzungen über Wochen oder Monate. Manche Patientinnen und Patienten kommen über Jahre einmal pro Woche, andere in Blöcken mit Pausen. Eine festgelegte Gesamtzahl an Behandlungsterminen, ab der „die Therapie wirkt", ist nicht belegt – das gehört zu den Punkten, die seriöse Anbieter offen ansprechen sollten.

Typische Sitzungsbausteine und ihre therapeutische Funktion

BausteinWas passiertTherapeutischer Zweck
Tagesform-CheckBefragung, kurze FunktionsprüfungBelastungssteuerung, Sicherheit
Transfer und AufstiegLagewechsel, Stehtraining, ggf. RampeGangabläufe, Eigenaktivierung
Schritt-Phaseaufrecht sitzen, Reaktionen provozierenTonus, Balance, Koordination
Tempo- und Richtungswechselbewusst gesetzte ReizeAnpassung, posturale Kontrolle
Absteigen und NachgesprächVerlangsamung, DokumentationBeruhigung, Alltagstransfer

Verlaufskontrolle und das Messen individueller Fortschritte

Wie wird eigentlich sichtbar, ob etwas passiert? An dieser Stelle ist Offenheit wichtig. Eine standardisierte Messmethode oder einen allgemeingültigen Bewertungsbogen, der in jeder Praxis identisch eingesetzt wird, ist in den verfügbaren Quellen nicht belegt. Was es gibt, ist eine orientierende Verlaufskontrolle anhand vereinbarter Funktionen – Bewegungsqualität, Rumpfkontrolle, Sitzbalance, Gehstrecke, Alltagsaktivitäten, Selbstständigkeit beim Transfer.

In der Praxis läuft das so: Zu Beginn werden individuelle Zielgrößen formuliert, oft gemeinsam mit der verordnenden Ärztin. Diese Ziele sollten überprüfbar sein – „kann nach acht Wochen ohne Hilfe 30 Sekunden frei auf dem rechten Bein stehen", „kann den Kopf zehn Sekunden gegen die Schwerkraft halten", „schafft den Toilettengang mit einer statt zwei Hilfspersonen". Solche Ziele wirken beiläufig, sind aber im Alltag oft der entscheidende Unterschied. Die Therapie wird nicht am Pferd bewertet, sondern an dem, was im Leben tatsächlich anders wird.

Die Verlaufskontrolle orientiert sich an mehreren Zeitpunkten: nach den ersten Sitzungen (kurzfristige Reaktionen, Verträglichkeit), nach einer mittleren Sequenz (Lernkurve, Anpassung) und in längeren Abständen (Übertrag in den Alltag). Eine ärztliche Folgeverordnung erfolgt meist nach einer bestimmten Anzahl von Sitzungen oder bei einer spürbaren Veränderung des Befundes. Wer den eigenen Fortschritt dokumentieren möchte, kann ein kurzes Tagebuch führen – was sich im Alltag verbessert hat, wo es Rückschritte gab, wie das Befinden nach den Sitzungen war. Das ist nicht vorgeschrieben, hilft im Gespräch mit Therapeutin und Ärztin aber enorm.

Therapieerfolg in der Hippotherapie zeigt sich dort, wo vorher eingeschränkte Funktionen im Alltag wieder möglich werden – und wo diese Veränderung dokumentierbar ist.

Was den Verlauf realistisch macht

Die Phasen, die hier beschrieben sind, sind Bausteine, die in den meisten seriösen Praxen vorkommen. Sie bilden keinen Ablaufplan, der jede Patientin und jeden Patienten gleich durchläuft. Es gibt Betroffene, die in den ersten Sitzungen deutliche Tonusveränderungen zeigen und dann lange stabil bleiben. Es gibt andere, die erst nach vielen Wochen Anpassung reagieren. Es gibt Patienten, bei denen Hippotherapie nur einer von mehreren Bausteinen ist – Ergo-, Physio- und Logopädie laufen parallel. Und es gibt Verläufe, in denen Hippotherapie nicht das passende Mittel ist, ohne dass das ein Versagen darstellt.

Wer eine Praxis auswählt, sollte auf einige Punkte achten: Ist die Therapeutin DKThR-qualifiziert oder über eine anerkannte Zusatzqualifikation verfügend? Findet eine echte Befunderhebung vor der ersten Sitzung statt? Wird das Auf- und Absteigen individuell gestaltet? Werden Ziele formuliert und überprüft? Werden ärztliche Verordnung und therapeutische Dokumentation sauber geführt? Diese Fragen helfen mehr als jedes Versprechen, das eine Wirkung in einer festen Zahl von Sitzungen garantiert. Eine ärztliche Verordnung bedeutet im Übrigen nicht automatisch, dass die gesetzliche Krankenkasse die Kosten übernimmt – auch das gehört zur ehrlichen Einordnung.

Position

Der Weg vom ersten Aufsteigen bis zu einem spürbaren Therapieerfolg ist in der Hippotherapie kein einheitlicher Stufenplan, sondern eine individuell zusammengesetzte Abfolge aus Verordnung, Befund, Auswahl von Pferd und Hilfsmitteln, Transfer, Behandlung im Schritt und Verlaufskontrolle. Wer diese Bausteine kennt, kann die Behandlung realistisch einordnen, gezielter mit Therapeutin und Ärztin sprechen und früh merken, wann eine Praxis fachlich sauber arbeitet – und wann nicht. Genau darin liegt der Wert dieses Wissens: nicht in einem Versprechen, sondern in einer Landkarte, mit der sich der eigene Weg verlässlicher planen lässt.

Häufige Fragen

Wer darf eine Hippotherapie durchführen?
Die Behandlung darf ausschließlich von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mit einer speziellen Zusatzqualifikation durchgeführt werden.
Wie läuft eine typische Sitzung ab?
Eine Sitzung dauert in der Regel 25 bis 30 Minuten und umfasst ein Vorgespräch mit Tagesform-Check, den Transfer und Aufstieg, die eigentliche Behandlung im Schritt, das Absteigen sowie ein abschließendes Nachgespräch.
Welche Wirkung haben die Bewegungen des Pferdes?
Die dreidimensionalen Schwingungen des Pferderückens im Schritt übertragen sich auf die aufrecht sitzende Person und wirken ähnlich wie ein langsames, ständiges Gleichgewichtstraining auf Becken, Wirbelsäule und Rumpfmuskulatur.
Wie oft findet die Hippotherapie statt?
Empfohlen wird eine Regelmäßigkeit von einmal pro Woche, wobei die genaue Frequenz und Dauer von der Belastbarkeit und dem therapeutischen Bedarf abhängen.
Wie wird der Erfolg der Therapie gemessen?
Die Verlaufskontrolle erfolgt anhand individuell vereinbarter und überprüfbarer Zielgrößen wie Bewegungsqualität, Rumpfkontrolle, Sitzbalance, Gehstrecke und Alltagsaktivitäten.