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Hippotherapie oder Gangschulung: Zwei Wege bei Gangstörungen

Bei neurologischen Gangstörungen liegt die Wahl zwischen Hippotherapie und Gangschulung nahe: Beide Ansätze können Bewegung und Gleichgewicht aufgreifen, setzen aber unterschiedliche Reize.

Aktualisiert19. Oktober 2026
Lesezeit7 Min. Lesezeit
Hippotherapie oder Gangschulung: Zwei Wege bei Gangstörungen

Wer vor allem sicherer oder weiter gehen möchte, braucht eine Therapie, in der das Gehen selbst gezielt geübt wird. Hippotherapie kann ergänzend interessant sein, etwa wenn Gleichgewicht, Rumpfkontrolle oder Fatigue den Alltag stark prägen.

Ein direkter wissenschaftlicher Vergleich, der Hippotherapie und konventionelle Gangschulung bei neurologischen Gangstörungen gegeneinander prüft, liegt in den recherchierten Quellen nicht vor. Die Entscheidung muss sich deshalb am konkreten Therapieziel orientieren. Die Studien geben Hinweise darauf, wo Hippotherapie helfen kann; sie belegen nicht, dass sie das funktionelle Gehtraining ersetzt.

Was beim Gehen trainiert werden soll

„Gangstörung“ beschreibt kein einzelnes Problem. Manche Menschen gehen langsam oder schaffen nur kurze Strecken. Andere haben Schwierigkeiten mit Gleichgewicht, Schrittanbahnung, Koordination oder der Kontrolle des Rumpfes. Auch Fatigue kann die Gehfähigkeit begrenzen: Ein Gangbild mag zu Beginn stabil wirken und sich mit zunehmender Belastung verändern.

Für die Auswahl der Therapie zählt daher zuerst, welche Fähigkeit sich verbessern soll. Geht es darum, längere Strecken zurückzulegen? Soll das Gehen sicherer werden? Oder stehen Gleichgewicht, Haltung und Belastbarkeit im Alltag im Vordergrund? Diese Ziele hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar. Ein besseres Gleichgewicht bedeutet nicht automatisch, dass jemand schneller oder weiter geht.

Gangschulung setzt unmittelbar an der Gehaufgabe an. Je nach Ausgangslage übt die Patientin oder der Patient einzelne Komponenten oder zusammenhängende Bewegungsabläufe: Schritte setzen, das Tempo anpassen, Hindernisse bewältigen oder die Gehstrecke ausbauen. Der Trainingsinhalt lässt sich damit eng an einer konkreten Alltagsanforderung ausrichten.

Hippotherapie nutzt die Bewegung des Pferdes als therapeutischen Reiz. Die Patientin oder der Patient sitzt auf dem Pferd und reagiert auf dessen Bewegungen. Dabei werden unter anderem Haltung und Gleichgewicht gefordert. Das ist eine andere Trainingssituation als das Gehen am Boden. Ob sich ein positiver Effekt auf das Gangbild überträgt, muss deshalb gesondert betrachtet werden.

Die passende Methode richtet sich nach dem Ziel: Wer weiter gehen möchte, braucht ein Training, das die Gehfähigkeit selbst anspricht.

Gangschulung: Der direkte Weg zum Gehziel

Die S2k-Leitlinie zur Rehabilitation sensomotorischer Störungen empfiehlt für ausreichend sicher gehfähige Patientinnen und Patienten ein Gangtraining mit einer kardiovaskulär wirksamen Komponente, wenn die Gehstrecke gesteigert werden soll. Der entscheidende Punkt ist die Verbindung von Belastung und funktioneller Bewegung. Für mehr Gehstrecke wird also das Gehen selbst trainiert.

Ergometertraining allein erfüllt dieses Ziel laut der Leitlinienpassage nicht: Es kann Ausdauer ansprechen, enthält aber keine funktionellen Gehbewegungen und verlängert daher nicht automatisch die Gehstrecke. Das heißt nicht, dass ein Ergometer grundsätzlich ungeeignet wäre. Es bedeutet, dass Ausdauertraining und funktionelles Gehtraining unterschiedliche Aufgaben haben.

In der Physiotherapie wird die Gangschulung an Fähigkeiten und Risiken der jeweiligen Person angepasst. Wer stabil gehen kann, kann an Tempo oder Streckenlänge arbeiten. Bei unsicherem Gang sind zunächst andere Schwerpunkte möglich, etwa kontrollierte Gewichtsverlagerung oder das Bewältigen einer konkreten Bewegungssituation. Welche Übungen vertretbar sind, hängt vom Befund und der sicheren Belastbarkeit ab.

Der Vorteil dieses Ansatzes liegt in der Nähe zum gewünschten Ergebnis: Soll das Gehen im Alltag besser funktionieren, lässt sich genau diese Handlung üben. Gangschulung ist allerdings kein einheitliches Verfahren mit einem festen Ablauf. Inhalt, Unterstützung und Belastung müssen zur neurologischen Ursache, zur Tagesform und zum individuellen Ziel passen.

Hippotherapie: Was die Studien tatsächlich zeigen

Für Menschen mit Multipler Sklerose liefert die randomisierte MS-HIPPO-Studie einen wichtigen Anhaltspunkt. Untersucht wurden 70 Erwachsene an fünf deutschen Zentren über zwölf Wochen. Eine Gruppe erhielt Hippotherapie zusätzlich zur Standardversorgung, die Vergleichsgruppe die Standardversorgung allein.

Beim Berg Balance Scale betrug der Unterschied in der Veränderung zwischen den Gruppen 2,33 Punkte. Das Ergebnis war statistisch signifikant, lag laut Publikation aber unterhalb der Schwelle für eine minimale klinisch bedeutsame Veränderung. Diese Einordnung ist wichtig: Ein statistischer Unterschied allein sagt noch nicht, dass die Veränderung für die Betroffenen im Alltag deutlich spürbar war.

Eine systematische Übersichtsarbeit zu pferdegestützten Therapien bei Multipler Sklerose schloss neun Studien mit insgesamt 225 Personen ein; vier Studien flossen in die quantitative Analyse ein. Die zusammengefassten Ergebnisse deuteten auf Vorteile beim statischen Gleichgewicht, bei der Lebensqualität und bei selbstberichteter Fatigue hin. Ein direkter Vorteil für das Gehen oder das dynamische Gleichgewicht ließ sich daraus nicht nachweisen.

Für erwachsene Menschen mit erworbener Hirnschädigung fällt die Evidenz zurückhaltender aus. Eine Übersichtsarbeit erfasste neun Studien mit 256 Personen. In der Metaanalyse zeigten sich unmittelbar nach der Intervention keine statistisch signifikanten Verbesserungen von Gleichgewicht oder Gangparametern gegenüber den Kontrollbedingungen. Das Ergebnis erlaubt keine pauschale Aussage über jede einzelne Person oder jedes Therapieprogramm. Es liefert aber keinen belastbaren Grund, Hippotherapie generell als wirksamer für das Gehen einzustufen.

TherapiezielGangschulungHippotherapie
Gehstrecke ausbauenFunktionelles Gangtraining mit wirksamer Belastung wird in der Leitlinie für ausreichend sicher gehfähige Personen empfohlen.Ein Vorteil für die Gehstrecke ist aus den recherchierten Studien nicht belegt.
GleichgewichtKann im Rahmen der Gehaufgabe und passend zum Befund geübt werden.Bei Multipler Sklerose gibt es Hinweise auf einen Nutzen beim statischen Gleichgewicht; die klinische Bedeutung des Effekts ist begrenzt.
Fatigue und LebensqualitätDer Schwerpunkt hängt vom konkreten Trainingsplan ab.Eine Übersichtsarbeit zu Multipler Sklerose fand Hinweise auf Verbesserungen bei selbstberichteter Fatigue und Lebensqualität.
Übertragbarkeit auf andere DiagnosenZiel und Inhalt lassen sich an die jeweilige Gehaufgabe anpassen.Ergebnisse bei Multipler Sklerose lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere neurologische Erkrankungen übertragen.

Rumpf, Gleichgewicht und Gangbild auseinanderhalten

Bei der Frage „Hippotherapie oder Gangschulung im Vergleich bei neurologischen Gangstörungen“ werden mehrere mögliche Wirkungen oft in einen Topf geworfen. Gleichgewicht, Rumpfkontrolle, Ausdauer und Gehfähigkeit stehen miteinander in Beziehung. Sie sind dennoch verschiedene Therapieziele und müssen auch als solche bewertet werden.

Die Bewegung des Pferdes fordert die Person auf, ihre Haltung fortlaufend anzupassen. Das kann eine therapeutisch interessante Situation sein, insbesondere wenn Gleichgewicht und Rumpfkontrolle im Vordergrund stehen. Aus diesem Reiz lässt sich jedoch nicht unmittelbar ableiten, dass das Gangbild sicherer wird oder die Gehstrecke zunimmt. Dafür braucht es einen nachweisbaren Transfer auf das Gehen.

Auch die Befunde zur Multiplen Sklerose sollten in diesem Rahmen gelesen werden. Hinweise auf Verbesserungen bei statischem Gleichgewicht, Fatigue oder Lebensqualität sind für die Betroffenen relevant. Sie beantworten aber nicht automatisch die Frage, welche Methode für mehr Gehfähigkeit besser geeignet ist. Für einen direkten Vergleich mit konventioneller Gangschulung fehlt in den recherchierten Quellen der passende Nachweis.

Bei anderen Diagnosen ist zusätzliche Zurückhaltung nötig. Die Ergebnisse bei Multipler Sklerose sind nicht ohne Weiteres auf Schlaganfall, Parkinson oder andere erworbene Hirnschädigungen übertragbar. Selbst innerhalb einer Diagnose können Ausgangslage und Therapieziel stark variieren. Eine Methode kann deshalb für ein Ziel sinnvoll sein, ohne für ein anderes die erste Wahl zu sein.

Wie die Methodenwahl in der Praxis gelingt

Am Anfang steht eine konkrete Zielformulierung. „Besser laufen“ ist als Therapieziel zu unscharf, um die Methodenwahl zu tragen. Eine brauchbare Frage ist etwa, ob eine bestimmte Strecke sicherer bewältigt, das Gehen bei Belastung stabilisiert oder das Gleichgewicht in einer bestimmten Alltagssituation verbessert werden soll.

Daraus ergibt sich eine praktische Orientierung:

1. Bei einem klaren Gehziel die Gangschulung in den Mittelpunkt stellen. Soll die Gehstrecke steigen, spricht die Leitlinienempfehlung für funktionelles Gangtraining mit einer kardiovaskulär wirksamen Komponente, sofern die Person ausreichend sicher gehfähig ist.

2. Hippotherapie als ergänzende Option prüfen. Sie kann bei Multipler Sklerose interessant sein, wenn Gleichgewicht, Fatigue oder Lebensqualität ebenfalls wichtige Ziele sind. Die vorhandenen Ergebnisse belegen aber keinen generellen Vorrang gegenüber Gangschulung.

3. Den Fortschritt am vereinbarten Ziel messen. Wird die Gehstrecke trainiert, sollte auch die Gehfähigkeit beurteilt werden. Eine Verbesserung beim Gleichgewicht ist wertvoll, beantwortet aber nicht allein, ob das Gehen besser geworden ist.

4. Die Diagnose und individuelle Belastbarkeit berücksichtigen. Studienergebnisse aus einer Patientengruppe lassen sich nicht automatisch auf eine andere übertragen. Ebenso wenig lässt sich aus der recherchierten Evidenz eine allgemeingültige optimale Häufigkeit oder Dauer der Hippotherapie ableiten.

Für die Entscheidung zwischen Gangschulung oder Hippotherapie bei Beschwerden, die auch Rücken und Haltung betreffen, gilt dieselbe Zielorientierung. Rumpfkontrolle kann ein sinnvoller Bestandteil des Behandlungskonzepts sein. Wenn das Hauptziel jedoch eine längere Gehstrecke ist, sollte der Plan funktionelle Gehbewegungen enthalten. Die jeweils behandelnde Fachperson kann anhand des Befunds einschätzen, welche Belastung sicher ist und ob eine ergänzende Therapie zur Situation passt.

Was ein fairer Methodenvergleich leisten kann

Ein direkter Vergleich der beiden Methoden müsste Menschen mit ähnlicher Diagnose und ähnlicher Ausgangslage einschließen, beide Ansätze über einen klar beschriebenen Zeitraum prüfen und dieselben relevanten Ziele messen. Dazu gehören beispielsweise die Gehfähigkeit, das Gleichgewicht und die Belastbarkeit. Einen solchen Vergleich weisen die recherchierten Quellen nicht aus.

Damit bleibt eine wichtige Grenze: Die vorhandenen Studien erlauben keine Rangliste, in der eine Methode für alle neurologischen Gangstörungen gewinnt. Sie liefern aber eine brauchbare Orientierung. Für den gezielten Aufbau der Gehfähigkeit spricht die Leitlinienempfehlung für funktionelles Gangtraining. Hippotherapie kann als Ergänzung erwogen werden, besonders wenn bei Multipler Sklerose Gleichgewicht, Fatigue oder Lebensqualität mitbehandelt werden sollen.

Entscheidend ist, dass die gewählte Therapie zum vereinbarten Ziel passt und ihr Nutzen an diesem Ziel beurteilt wird. So bleibt der Weg zur passenden Methode konkret: erst benennen, was sich verändern soll, dann den Trainingsansatz daran ausrichten.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Gangschulung und Hippotherapie?
Die Gangschulung setzt direkt an der Gehaufgabe an und übt Bewegungsabläufe wie Schritte oder das Bewältigen von Hindernissen. Die Hippotherapie nutzt dagegen die Bewegung des Pferdes als therapeutischen Reiz, bei dem Haltung und Gleichgewicht in einer anderen Situation gefordert werden.
Ersetzt die Hippotherapie das funktionelle Gehtraining?
Nein, die vorhandenen Studien belegen nicht, dass die Hippotherapie das funktionelle Gehtraining ersetzt. Ein direkter Vorteil für das Gehen oder das dynamische Gleichgewicht lässt sich daraus nicht ableiten.
Welche Methode wird empfohlen, um die Gehstrecke zu vergrößern?
Für ausreichend sicher gehfähige Personen empfiehlt die Leitlinie ein Gangtraining mit einer kardiovaskulär wirksamen Komponente. Das Gehen selbst muss dabei als funktionelle Bewegung trainiert werden.
Helfen Ergometer ebenfalls dabei, die Gehstrecke zu verlängern?
Ein Ergometertraining allein spricht zwar die Ausdauer an, enthält jedoch keine funktionellen Gehbewegungen und verlängert die Gehstrecke laut Leitlinienpassage nicht automatisch.
Welche Effekte zeigt die Hippotherapie bei Multipler Sklerose?
Übersichtsarbeiten und Studien deuten auf Vorteile beim statischen Gleichgewicht, bei selbstberichteter Fatigue und bei der Lebensqualität hin. Der gemessene Effekt beim Berg Balance Scale lag jedoch unterhalb der Schwelle für eine minimale klinisch bedeutsame Veränderung im Alltag.
Lassen sich Studienergebnisse zur Hippotherapie bei MS auf andere Diagnosen übertragen?
Nein, Ergebnisse bei Multipler Sklerose lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall oder Parkinson übertragen. Bei erworbener Hirnschädigung fielen die Studienergebnisse zudem zurückhaltender aus.